Was verstehen wir unter individueller und alternativer Bildung?

Es gibt in Deutschland und weltweit mehrere alternative Konzepte für die individuelle Bildung. Diese grenzen sich bewusst vom klassischen Bildungssystem ab. Die entsprechenden Schulen sind staatlich anerkannte Privatschulen. Sie werden mehr oder minder vom Staat finanziell unterstützt, sind aber auch auf Schulgebühren angewiesen.

Die wichtigsten alternativen Bildungskonzepte und ihre Ausrichtung

Grundsätzlich geht es bei der alternativen Bildung um die stärkere individuelle Förderung der Schüler und um ihre Befreiung von Zwängen durch Zensuren oder das Korsett eines engmaschigen Lehrplans. Das bringt viele Vorteile mit sich. Der eliminierte Leistungsdruck fördert die Begabungen der SchülerInnen sehr viel besser. Im Überblick wären als wichtigste Vertreter der alternativen Bildung zu nennen:

  • Freie Waldorfschulen
  • Montessori-Schulen
  • Dore-Jacobs-Berufskolleg
  • Jenaplan
  • Freinet-Pädagogik

Zu diesen Konzepten existieren in vielen Fällen neben den Schulen auch Kindergärten. Im Folgenden wollen wir uns diese Vertreter alternativer Bildungskonzepte näher anschauen.

Freie Waldorfschulen

Die Schulen basieren auf dem anthroposophischen Konzept der Waldorfpädagogik von Rudolf Steiner, es gibt sie seit den 1920er Jahren. Inzwischen haben sie weltweite Verbreitung gefunden, sie sind in Deutschland staatlich anerkannt und erhalten (nicht komplett kostendeckende) Zuschüsse. Die Bildung in 12 bis 13 Klassenstufen erfolgt ganzheitlich und kindgerecht, Musik, künstlerisches Handwerk und Kreativität spielen eine große Rolle. Die Kinder erhalten vor der Oberstufe keine klassischen Schulnoten, sondern Beurteilungen. In der Oberstufe werden Noten und Zeugnisse auf Wunsch entsprechend des staatlichen Schulsystems vergeben.

Montessori-Schulen

Diese Schulen wurden im frühen 20. Jahrhunderts von der Medizinerin Maria Montessori gegründet. Sie vertrat das alternative pädagogische Konzept, dass jedes Kind ein eigenständiges Individuum ist und als solches behandelt werden muss. Montessori lehnte daher den Vergleich per Zensuren ab. Der Kern des Konzepts lautet: Hilf den Kindern, etwas selbst zu tun. Daher steht nicht allein die reine Wissensvermittlung durch Lehrer im Fokus, sondern die Befähigung von Schülern, sich das nötige Wissen selbst anzueignen. Zu diesem Zweck verwenden Montessori-Schulen besondere Lehrmittel unter anderem für den Mathematikunterricht. In einer Klasse lernen Kinder verschiedener Altersstufen gemeinsam. Dadurch können die älteren SchülerInnen die jüngeren unterstützen. Den Regelschulabschluss erhalten die SchülerInnen an einer staatlichen Schule.

Bewegungspädagogik nach Dore Jacobs (Dore-Jacobs-Berufskolleg)

Dore Jacobs (1894 – 1979) leitete menschliches Sein aus der Bewegung ab und entwickelte daraus auch ein Bildungskonzept, das heute auf dem Dore-Jacobs-Berufskolleg in Essen durchgeführt wird. SchülerInnen können hier das Abitur oder Fachabitur ablegen. Das Berufskolleg ist staatlich anerkannt. Der Unterricht findet in einer entspannten und persönlichen Lernatmosphäre statt. LehrerInnen und SchülerInnen begegnen sich respektvoll auf Augenhöhe. Die Bildungsgänge sind in Klassenverbänden organisiert. SchülerInnen wählen selbst Lernmodule zu sie interessierenden Themen aus. Die Unterstützung erfolgt höchst individuell, was spezifische Stärken fördert.

Jenaplan

Den Jenaplan entwickelte der Pädagoge und Dozent Peter Petersen ab 1927 an der Universität in Jena. Mitglieder des Londoner Komitees der New Education Fellowship prägten in Vorbereitung einer Konferenz 1927 in Locarno den Begriff “Jenaplan”. Dessen Kerngedanke ist das selbstständige, gleichwohl aber gemeinschaftliche Zusammenarbeiten von Schülern und Eltern. Unterrichtsformen des Jenaplans sind:

  • fächerübergreifende Kernunterricht, Kursunterricht und Unterricht bei freier Wahl eines Faches
  • Integration von Gesprächsformen wie dem Kreisgespräch, dem Berichtskreis, der Aussprache und dem Vortrag
  • Integration von Spiel für die Entwicklungsförderung jüngerer Kinder

Freinet-Pädagogik

Ab etwa 1920 begründeten die französischen Reformer Elise und Célestin Freinet diese Pädagogik, die bestrebt ist, reformpädagogische Elemente in ein einheitliches Konzept zu integrieren. Ein Motto lautete “Lehrer helfen Lehrern”. Schüler lernen in Kooperativen sehr selbstständig, sie tragen mit eigenen Texten zum Lernstoff bei. In einer Kooperative haben alle Schüler und Lehrer in ihrem Klassenrat – dem bestimmenden Gremium – jeweils eine Stimme. Das Ehepaar Freinet stützte sich auf ein früheres Konzept des Pädagogen Barthélemy Profit und entwickelte es weiter.

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Das ist das Konzept der Montessori-Schulen

Immer mehr Eltern entscheiden sich, ihre Kinder auf eine alternative Schule zu schicken. Im Vergleich zur Regelschule, die von den meisten Heranwachsenden besucht wird, gibt es da die Montessori-Schule, die sich nach der Pädagogik von Maria Montessori richtet und Ende des 19. Jahrhunderts entstand. Sie war der Überzeugung, dass Kinder in deren Persönlichkeit zu achten, nicht strengen Regeln zu unterwerfen sind und nach ihrem eigenen Lerntempo selbstständig lernen sollen. Auch wenn sich die Montessori-Schule bei ihren Lehrmethoden von der gewöhnlichen Schule unterscheidet, richtet sie sich jedoch trotzdem nach dem staatlichen Lehrplan.

Wie es in der Bundesrepublik mit den Montessori-Schulen aussieht
Deutschlandweit gibt es mehr als 400 Montessori-Schulen. Vor über 90 Jahren begann man erstmals in Jena eine Schule nach diesem Konzept zu starten. Je nach Bildungseinrichtung ist es möglich, im Vorschulbereich, jedoch ebenso von der Grundschule bis hin zur allgemeinen Hochschulreife nach der Pädagogik von Montessori unterrichtet zu werden. Mehr als 50 Prozent der Montessori-Schulen sind private Schule in freier Trägerschaft. Sie erhalten keine Förderung vom Staat und müssen sich aus diesem Grund teilweise oder ganz selbst finanzieren. Oft sind die Träger Elterninitiativen, katholische oder evangelische Kirchen. Jedoch gibt es ebenso staatliche Schule, welche Montessori-Zweige anbieten.

Grundsätze

In der Montessori-Schule richtet man sich nach den individuellen Talenten, Begabungen und Fähigkeiten der Schulkinder. Durch die Methoden soll das eigenständige Denken und Handeln der Heranwachsenden gefördert sowie deren Wille gestärkt werden. Zu den Grundsätzen der Montessoris zählen zudem die sensiblen Phasen als entwicklungspädagogische Betrachtungsweise, ein spezielles Lernumfeld mit entsprechenden Unterrichtsmaterialien und die besondere Rolle des Lehrers. Während der sensiblen Phasen gelten Kinder für die Unterrichtung von Motorik, Sprachen und anderen gewissen Fähigkeiten als sehr empfänglich. Bei jeweiligen Bildungsanreizen ist es demnach für Heranwachsende in solchen Phasen leichter, sich zu fokussieren sowie inhaltliche und formale Fachthemen dauerhafter, rascher und besser aufzunehmen. Der Pädagoge muss diese Phasen erkennen und die Schüler dementsprechend unterstützen. Zum Lernen erwartet die Schulkinder in den Räumen eine vorbereitete Umgebung. Hier geht es darum, dass Unterrichtsmaterialien, welche dem natürlichen Lerninteresse von den Heranwachsenden entsprechen, im Klassenzimmer in Augenhöhe für jeden erreichbar sind. Zu diesen Materialien der Montessori-Pädagogik zählen unter anderem Holzbuchstaben zum Lernen von Lesen und Schreiben oder Perlenketten oder Holzwürfel zum Rechnen. Diese Materialien sind lediglich einmal verfügbar, da man sich das Ziel gesetzt hat, unter den Mitschülern das Sozialverhalten zu verbessern. Zudem werden ebenso Schulbücher zur Verfügung gestellt, welche jedoch oft zunächst ab der dritten Klasse verwendet werden. Da laut Montessori der Lehrer den Schülern dabei helfen soll, „es“ selbstständig zu tun, nehmen die Pädagogen die Rolle als Helfer ein. Bei dem „es“ geht um das Erledigen theoretischer und praktischer Aufgaben. Die Lehrer begleiten bei den Kindern den Entwicklungsprozess, indem sie den Einsatz der Unterrichtsmaterialien erläutern und bei Unklarheiten ansprechbar sind. Zudem schreiten sie ein, wenn ein Heranwachsender stört, nicht motiviert ist oder nicht zurechtkommt.

Unterricht

In einer Montessori-Schule unterrichten Lehrer in altersgemischten Klassen. Zum Beispiel sind Erstklässler bis Viertklässler in einem Klassenraum. Diese Klassen werden oft von einem Lehrer und einem Erzieher betreut. Wurde ein Integrationskind einer Klasse zugeteilt, ist zudem noch ein Schulbegleiter anwesend. Aufgrund der Klassenmischung können die Schüler auf Wunsch die Hilfe der Pädagogen beanspruchen, jedoch ebenso andere Kinder fragen und damit gegenseitig voneinander lernen. Aufgrund des wechselseitigen Gebens und Nehmens kommt es zu einem starken Klassenverband. Der alltägliche Unterricht unterscheidet sich zwischen Freiarbeit und gebundenen Fachunterricht. Bei der Freiarbeit, auch SOL (selbst orientiertes Lernen) genannt, dürfen die Schüler selbst das Thema wählen, mit dem sie sich beschäftigen wollen. Hier können alle Kinder mit den entsprechenden Materialien ihren eigenen Arbeitsrhythmus nachgehen. Hiebei ermutigt man sie, die Lernthemen selbst zu wiederholen und die Lerngeschwindigkeit für sich selbst zu verbessern. Da die Montessori-Pädagogik davon ausgeht, dass Kinder von sich aus gerne lernen, wird dies bei der Freiarbeit unterstützt. Ab der fünften Klasse, also in der Sekundarstufe, geht man mit den Schülern von der Freiarbeit mehr zu langfristigen Projektarbeiten über. Gebundenen Fachunterricht gibt es hingegen zum Beispiel in Mathematik. Dabei kommt es zu einer inhaltlichen Differenzierung: Einige Schüler lernen die Multiplikation, während andere sich bereits mit der Division befassen. Je nach Leistungsstand vom entsprechenden Schulkind werden Klassenarbeiten geschrieben.

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Bewegungspädagogik nach Dore Jacobs

Die Essenerin Dore Jacobs (1894 – 1979) war Bewegungspädagogin, sie gründete eine Bundesschule für Körperbildung, aus der das heutige Dore-Jacobs-Berufskolleg hervorging. Ihr Vater war der Philosoph Ernst Marcus. Zunächst hatte Dore Jacobs Mathematik und Physik studiert, später wandte sie sich der Rhythmik und Gehörbildung zu. Sie war mit dem Mathematiker, Philosophen und Pädagogen Artur Jacobs verheiratet. Gemeinsam arbeiteten sie auf eine ganzheitliche Lebensweise hin, zu der Bewegung und Tanz gehört. Als Juden mit sozialistischer Ausrichtung konnten sie in der NS-Zeit nur im Untergrund überleben.

Das Essener Dore-Jacobs-Berufskolleg

Das staatlich anerkannte Berufskolleg bietet verschiedene Ausbildungen einschließlich Abitur und Fachabitur an. Die Lernatmosphäre ist sehr entspannt, Bildung findet im Klassenverband und mit themenbezogenen Lernmodulen statt. Die SchülerInnen wählen die Module selbst aus, auch ihre Lernzeit gestalten sie im Wesentlichen selbst. Das Kolleg unterstützt sie dabei umfassend. Es entsteht ein höchst individueller Lernprozess, der die größten Stärken gezielt fördert.

Das pädagogische Bewegungskonzept von Dore Jacobs

Laut Dore Jacobs ist Bewegung unsere Sprache, weil wir alle unsere Unternehmungen durch Bewegung verwirklichen. Dazu zählen alltägliche Handgriffe ebenso wie künstlerische Schöpfungen, wissenschaftliche Arbeiten oder produktive Gestaltungen (wie etwa das Handwerk). Wie wir uns bewegen und welche Haltung wir im Stehen, Gehen oder Sitzen einnehmen, formt unseren Körper und unseren Geist. Bewegung ist daher nicht nur auf einen Zweck ausgerichtet, sondern darüber hinaus eine Äußerung. Sie gehört zu den Grundproblemen des Menschen. Eine menschliche Haltung (im wahrsten Sinne die körperliche Haltung) entsteht aus seiner Lebensgeschichte. Sie ist eng mit seiner gesamten Lebensart verbunden. Gleichzeitig passen wir unsere Haltungen immer wieder an und müssen daher lebenslang lernen, uns zu bewegen. Für diesen Lernprozess definiert Dore Jacobs vier Polaritäten:

Innen- und Außenbewegung

Die Innenbewegung entsteht durch Prozesse im Organismus wie Atmung, Blutkreislauf, Tätigkeit der Organe und seelische Vorgänge. Die motorische Bewegung ist die Außenbewegung. Beide Bewegungen stehen zueinander in wechselseitiger Beziehung. Wenn sie feiner zusammenwirken, werden sie fließender und freier, damit auch lebendiger, ausdrucksvoller und beseelter. Ein Betrachter empfindet diese Bewegungen als natürlicher und authentischer. Übungen richten sich darauf, die Innenbewegung besser wahrzunehmen und ihren Einfluss auf die Außenbewegung zuzulassen. Unter anderem arbeiten die SchülerInnen an der Entfaltung ihres Atems.

Innen- und Außenwahrnehmung

Für eine gute Bewegung ist eine gute Wahrnehmung essenziell. Wiederum richtet sich diese auf die eigene Innenbewegung, genauso aber auf die äußere Umgebung. Beide Wahrnehmungskräfte müssen für eine Lebendigkeit, Wachheit und Präsenz gut zusammenwirken. Das gelingt, indem SchülerInnen eine bessere Reaktionsfähigkeit und eine sinnliche, lebendige Ausdrucksqualität entwickeln. Ihre Bewegung passt sich an ständige Veränderungen differenziert und situativ an. Dazu dienen intensive Übungen der Selbstwahrnehmung und improvisierte Bewegungen zu Musik mit einem deutlichen Bezug zum Raum und zur Gruppe.

Schwer- und Aufrichtekräfte

In jeder Bewegung müssen die Raum schaffenden Knochen und die Bewegung schaffenden Gelenke zueinander günstig stehen. Damit bietet unsere Körperstruktur der Anziehungskraft der Erde wenig Angriffspunkte. Bewegungen lassen sich dadurch mit geringstem Energieaufwand durchführen. Es gibt für die Fortsetzung des Druckes vom Boden über den Körper gegen die Schwerkraft als direkteste Linie die Transportlinie. Entlang dieser Linie wirkt die Aufrichtekraft der Schwerkraft entgegen. Die umgebende Struktur – Bindegewebe, Muskeln, Blutgefäße, Nerven – wird so aufgespannt, dass durch die Zugkräfte Weite geschaffen werden kann. Das entlastet die Gelenke und Knochen. Bei optimaler Aufrichtung wird die Muskulatur von ihrer Haltearbeit entlastet, sie kann sich entspannen.

Spannung und Entspannung

Nur durch Spannung und Entspannung entsteht eine koordinierte Bewegung. Bewegung und Ruhe wirken zusammen, denn ohne Pausen gäbe es keinen strukturierten Bewegungsablauf. Spannung und Entspannung können nacheinander, aber in verschiedenen Körperregionen auch gleichzeitig auftreten. Durch fließendes Zusammenwirken der beiden Pole, Spannung und Entspannung, gewinnt jede Bewegung eine rhythmische Qualität, auch in sehr kleinen Nuancen und Differenzierungen.

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Wir erklären die Waldorfpädagogik

Die Waldorfpädagogik begründete Rudolf Steiner etwa um 1920 auf der Grundlage einer anthroposophischen Weltsicht mit dem Ziel, die Pädagogik zu reformieren. Sein Konzept führte er an einer 1919 eröffneten Stuttgarter Betriebsschule für Arbeiterkinder durch. Die Arbeiter waren Beschäftigte der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Die Schule gibt es noch, sie heißt jetzt Freie Waldorfschule Uhlandshöhe.

Verbreitung der Waldorfpädagogik

Das Konzept setzte sich durch, es entstanden alsbald zunächst in Deutschland und später in anderen Ländern weitere Waldorfschulen. Das Konzept wird heute weltweit praktiziert. Das Wittener Institut für Waldorf-Pädagogik wurde 1973 gegründet. Neben Waldorfschulen gibt es auch viele Waldorfkindergärten. In Zahlen stellte sich das Ende 2018 wie folgt dar:

  • Waldorfschulen in Deutschland: 237
  • Waldorfkindergärten in Deutschland: 561
  • Waldorfschulen weltweit: 1.092 in 64 Ländern
  • Waldorfkindergärten weltweit: 1.857 in 65 Ländern

Philosophische und pädagogische Grundlagen der Waldorfpädagogik

Die Waldorfpädagogik basiert auf dem anthroposophischen Menschenbild, das drei Grundsätze beinhaltet: Freiheit der Kultur, Gleichheit innerhalb einer politischen Gemeinschaft, Brüderlichkeit innerhalb der Ökonomie. Neben dieser politisch-philosophischen Basis gehören die Temperamentenlehre von Rudolf Steiner und seine Lehren von einer Drei- und Viergliederung aller Menschen zu den pädagogischen Grundlagen. Der Mensch gliedert sich demnach in seinen Geist, seine Seele und seinen Leib. Die Pädagogik muss darauf ausgerichtet sein, das Denken, das Fühlen und das Wollen gleichberechtigt auszubilden. Das entspricht anderen, sehr modernen pädagogischen Schulen, die darauf abzielen, kognitive (“Denken”), emotive (“Fühlen”) und motivationale (“Wollen”) Fähigkeiten zu entwickeln. Die Viergliederung nach Rudolf Steiner enthält religiöse Elemente. Sie formuliert darüber hinaus Sieben-Jahres-Zeiträume für die menschliche Entwicklung, eine Auffassung, die auch Psychologen gänzlich anderer Fachrichtungen teilen.

Prinzipien moderner Waldorfschulen

Die meisten der hier zu nennenden Grundprinzipien moderner Waldorfschulen sind allgemein bekannt. Wir wollen sie dennoch der Vollständigkeit halber erwähnen.

Kein Sitzenbleiben

Waldorfschüler durchlaufen 12 Schuljahre ohne Sitzenbleiben. Das funktioniert, indem sich der Lehrplan nach den Begabungen und Veranlagungen der Kinder richtet. Diese werden von Anfang an künstlerisch sehr stark gefördert.

Künstlerisch-handwerklicher Unterricht

Der vielfältige handwerkliche Unterricht dient der lebenspraktischen Orientierung der Schüler und fördert ihre differenzierte Willensbildung. Er enthält sehr starke künstlerische Elemente.

Entwicklungsorientierter Lehrplan

Die Unterrichtsinhalte und -formen orientieren sich an der Entwicklung der Kinder und den jeweiligen Stufen ihrer Entfaltung. Das entspricht der grundlegenden antroposophischen Philosophie. Die Kinder sollen innere Freiheit gewinnen.

Bildhafter Unterricht

Besonders während der ersten Schuljahre findet der Unterricht äußerst bildhaft statt, weil die Urteilskraft der SchülerInnen zunächst reifen muss. Inhalte und Tatsachen werden in Bildern und doch so dargestellt, dass Gesetzmäßigkeiten zu erkennen sind.

Wissenschaftlicher Unterricht

Ab dem 14. Lebensjahr wird verstärkt (auch) wissenschaftlich unterrichtet. Das entspricht dem Streben der SchülerInnen in diesem Alter nach eigener Urteilsbildung. Dabei bleibt der Unterricht sehr praktisch und orientiert sich an Lebensfragen von modernen jungen Menschen.

Epochenunterricht

Dieser Unterricht dient der Wissensvertiefung in Fächern, die das Behandeln geschlossener Sachgebiete erlauben. Das sind die Fächer Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und weitere Fächer dieser Art. In Fächern mit einem hohen Trainingsanteil wie Sprachen werden Fachstunden gegeben.

Zeugnisse und Abschlüsse

Zensuren gibt es nicht, Zeugnisse enthalten detaillierte Charakterisierungen der Leistung und des Leistungsfortschritts, der Begabungslage und der Mitarbeit. Die Abschlüsse sind Mittlere Reife, Fachhochschulreife oder Abitur nach den gesetzlichen Regeln.

Selbstverwaltung

Waldorfschulen verwalten sich selbst unter Mitwirkung der SchülerInnen und Eltern. Eine wöchentliche Lehrerkonferenz nimmt die pädagogische Leitung wahr. Die Lehrer sind gleichberechtigt.

Finanzierung

Waldorfschulen werden nicht, wie staatliche Schulen, vollkommen durch die Länder finanziert, sie erhalten lediglich Zuschüsse. Daher zahlen die Eltern einen Beitrag. Dieser richtet sich nach ihrem Einkommen. Die mangelnde Finanzierung durch die öffentliche Hand steht im Widerspruch zu den anerkannten Abschlüssen der Waldorfschulen.

 

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Großes Interesse an individueller Bildung

Staatliches und gesellschaftliches Interesse an Bildung

Die allgemeine Schulpflicht lässt sich in Deutschland in einzelnen Herzogtümern bereits im 16. Jahrhundert nachweisen, was die Frage aufwirft, welches Interesse staatliche Institutionen verfolgen, ihre Bürger ganzheitlich zu bilden.
Insbesondere mit Beginn des 20. Jahrhunderts ist Bildung für den Durchschnittsmenschen kein Luxusgut mehr, vielmehr sind wohl durchdachte und staatlich bereitgestellte Bildungssysteme eine Grundlage von nahezu allen Industriestaaten und Schwellenländern. Die Triebkräfte dieses intellektuellen Wettrüstens sind nicht zuletzt ökonomische Faktoren, die in engem Verhältnis zur Bildung der arbeitenden Bevölkerung stehen. Ein hohes Maß an Fachkenntnis und Wissen zählt zu den bedeutendsten langfristigen Wachstumsfaktoren für Volkswirtschaften und so ist es nicht verwunderlich, dass sowohl öffentliche als auch private Investitionen in den Bildungssektor einen hohen Stellenwert zugeschrieben bekommen. Ebenso der Einzelne kann von einem höheren Bildungsniveau profitieren. Zahlreiche Studien belegen Bildungsrenditen (Zugewinne an Löhnen eines zusätzlichen Jahres Bildung) um zehn Prozent, was sich insbesondere für junge Menschen in vielen Fällen, auf das Einkommen der kompletten Lebenszeit gerechnet, auszahlt. Warum aber zieht mittlerweile individuelle Bildung und Förderung immer mehr das Interesse der Gesellschaft auf sich?

Individuelle Bildung als Wegweiser in die Zukunft

Aus lerntheoretischer Sicht ist es Aufgabe des Bildungssystems einen Ausgleich zwischen persönlichen, individuellen Lernzielen und der Erfüllung des Bedürfnisses nach Zugehörigkeit und Verbundenheit zu schaffen. Beide Aspekte müssen für einen optimalen Lernerfolg erfüllt werden und insbesondere individuelle Bedürfnisse treten in großen Klassenverbänden oftmals in den Hintergrund und können von einzelnen Lehrkräften nur lückenhaft oder sogar nicht beachtet werden.
Dies führt zu einem Interessenkonflikt aus Machbarkeit und Optimalität. Viele Schüler weisen einen hohen Bedarf an individueller Bildung auf, besitzen Stärken abseits von Inhalten aktueller Lehrpläne, die gefördert werden sollten oder können ihr wahres Potential innerhalb der Konzepte konventioneller Lehrmethoden nicht entfalten. Andererseits stehen hohe Investitionen in die Förderung Einzelner im Kontrast zur Aufteilung von knappen Ressourcen, da eine individuell abgestimmte Bildung in praktischer Umsetzung nahezu utopisch erscheint und sich als äußerst kostspielig erweisen würde. Das gesellschaftliche Interesse erwächst daher aus dem Wunsch nach bestmöglicher Förderung, von der zahlreiche Facetten aktueller Schulpolitik weit entfernt sind. Stärken und Interessen jedes Schülers können nicht berücksichtigt werden und weichen allgemeinen Lehrplänen, die Förderung leistungsschwacher Schüler obliegt deren Erziehungsberechtigten und eine vereinzelte Lehrkraft kann oftmals nicht allen Fragen und Bedürfnissen einer kompletten Klasse gerecht werden.

Möglichkeiten zur Umsetzung individueller Bildung

Kurzfristig erweist es sich als unmöglich, individuelle Lernmethoden als den Standard im Bildungssystem zu etablieren, da vorhandene Strukturen zu verschieden sind, stets eine Orientierung an gewohnten Konzepten erfolgen würde und der Traum von der Förderung, die auf jeden einzelnen Schüler zurecht geschnitten wird, schlichtweg finanziell nicht umsetzbar wäre.
Vielmehr sollte in kleinem Rahmen ein Umdenken erfolgen und Aspekte der individuellen Bildung, die sich als leicht umzusetzen erweisen, sollten Teile der geläufigen Methoden ergänzen oder ersetzen. Einerseits sollten Unterrichtskonzepte entwickelt werden, welche die Einbeziehung persönlicher Schülerbedürfnisse ermöglichen. So könnte eine stärkere Einbeziehung der Schüler in den Unterricht förderlich sein, welche durch Gruppenarbeiten oder Präsentationen gewährleistet werden kann. Beides könnte direkt an einen zweiten wichtigen Aspekt gekoppelt werden: Feedback und Reflexion. Durch Rückmeldungen von Mitschülern und Lehrkräften können eigene Kompetenzen erkannt und gefördert werden, während ebenfalls Schwächen deutlich werden, für welche der Schüler dann wiederum gezielte Hilfe erhalten kann.

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Vorurteile gegen neue Bildungskonzepte abbauen

Alternative Bildungskonzepte wie Waldorf, Montessori, Freinet, Jenaplan & Co. gelten als Laborschulen, gegen die Vorurteile bestehen. Oft gehen ihre Ursprünge auf das frühe 20. Jahrhundert zurück. Die innovativen Ansätze gewähren aber den Schülern Freiraum und fördern ihre Potenziale – ein Ansatz, der für SchülerInnen aller Art sehr wichtig sein könnte.

Wie können alternative Bildungskonzepte aussehen?

In vielen alternativen Schulen gibt es keine Zensuren (jedenfalls nicht in der Grund- und Mittelstufe), es gibt von den Schülern mitbestimmte Lehrpläne, Kunst und Handwerk werden stark gefördert, die Individualität der Schülerinnen und Schüler spielt eine überragende Rolle. Der Vergleich zwischen den Kindern und ihre Leistungsbewertung – beides geschieht in klassischen Schulen per Zensur – werden explizit abgelehnt. Das ist den Vertretern der klassischen Schule oft ein Dorn im Auge, sie wettern dagegen und beeinflussen damit das Urteil der Elternschaft, das schnell zum Vorurteil wird. Dabei funktionieren diese Konzepte sehr gut. Ein Beispiel abseits der oben genannten bekannten alternativen Konzepte bietet die Laborschule in Bielefeld, die unter anderem ohne Pausenglocke auskommt. Die LehrerInnen und SchülerInnen entscheiden selbst, wann sie eine Pause brauchen. Das entspricht auch viel eher der natürlichen Wissensaufnahme der Kinder: Manchmal ist der Stoff so spannend, das sie gern noch etwas länger der Lehrkraft zuhören, manchmal ist ein Sachgebiet auch etwas schneller abgehandelt. Vielleicht war es aber sehr anstrengend. Dann ist schon nach einer halben Stunde die Zeit für eine Pause gekommen.

Sind die Vorurteile berechtigt?

Das sind sie nicht, auch wenn einige Vorbehalte auf den ersten Blick einleuchtend erscheinen. So könnte den Schülern mangels Zensur das Feedback fehlen, merken einige Kritiker an, ohne in Rechnung zu stellen, dass eine schlechte Zensur, die aus pädagogischer Sicht als “Ausrutscher” gelten darf, den Schüler dauerhaft demotivieren kann. Doch abseits akademischer Diskussionen sprechen allein schon die Erfolge der Konzepte für sich. Viele der genannten Lehrformen wurden nämlich inzwischen in den klassischen Unterricht integriert, so auch das Aufbrechen der traditionellen Sitzordnung im Klassenzimmer. Das gibt es inzwischen in vielen deutschen Grundschulen, wenn auch nur in den gewohnten kleineren Klassenzimmern. Weitere von alternativen Bildungskonzepten übernommene, von diesen über Jahrzehnte erprobte Innovationen sind:

  • offener Unterricht
  • Arbeit in Projekten
  • Englischunterricht im Grundschulalter
  • stärkere Betonung von Kunst und damit Förderung der Kreativität

Auch multiprofessionelle Teams aus Lehrern, Psychologen, Sonder- und Sozialpädagogen haben ihre Arbeit mittlerweile an staatlichen Schulen aufgenommen. Das Vorbild stammt aus den alternativen Schulen. Es gilt daher, deren Konzepte endlich als gleichwertig zu begreifen, um wiederum ihre Finanzierung besser abzusichern. Bislang leben sie von eher spärlichen staatlichen Zuschüssen, was die Erhebung von Schuldgeld erzwingt – eine subtile Form der Diskriminierung und Ausgrenzung, die sich eine Bildungsnation wie Deutschland eigentlich nicht leisten kann und darf.

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Neue Berufsbilder erfordern neue Bildungskonzepte

Die Berufe der Zukunft werden praktisch durchweg durch die Digitalisierung geprägt. In vielen Berufen ist sie heute schon dominierender Alltag. Das bedeutet: Bildungskonzepte müssen digital sein, sie müssen sich auch in Teilen vom klassischen Konzept des Lehrers verabschieden, der eine Gruppe von Schülern im Klassenzimmer anleitet. Sehr viel Bildung wird allein am Rechner erworben. Dennoch gibt es Austausch und Feedback, wenn auch vielfach online. Moderne Bildung benötigt daher nicht nur digitale Mittel, sondern auch neue Lernstrukturen.

Wie funktionieren medienbezogene Bildungskonzepte?

Die Thematik wird schon länger – sehr intensiv etwa seit 2010 – in Fachkreisen diskutiert. Es geht ausdrücklich nicht nur um die technische Ausstattung von Schulen und Weiterbildungseinrichtungen mit Rechnern, WLAN, Tablets & Co., sondern auch um die Kompetenzentwicklung der Lehrer im digitalen Zeitalter. Fachleute wie etwa Prof. Dr. Dirk Baecker (Universität Witten/Herdecke) verweisen darauf, dass wir uns bildungstechnisch auf die „nächste Gesellschaft“ zubewegen. Die Bildungsgesellschaften seit der Urgesellschaft lassen sich in etwa wie folgt strukturieren:

  • Entwicklung der mündlichen Sprache im Zuge der Menschwerdung vor ~350.000 – 100.000 Jahren
  • Einführung von Schrift vor ~6.500 Jahren
  • Einführung eines strukturierten Bildungssystems mit Schulpflicht (in Deutschland im frühen 18. Jahrhundert)
  • Digitalisierung seit dem späten 20. Jahrhundert

Die historischen Daten der mündlichen Sprache und der Schrift sind nach gegenwärtigem Stand der Forschung Spekulation. Dennoch bietet die Zeitleiste einen Anhaltspunkt dafür, dass es in der Menschheitsgeschichte bildungstechnische Entwicklungssprünge gab, die auch noch in immer kürzeren Intervallen erfolgten. Das bedeutet: Wir müssen den „nächsten Schritt“ zur Digitalisierung sehr ernst nehmen. Er ist so bedeutsam wie beispielsweise die Einführung der Schrift.

Welche Herausforderungen entstehen?

Wissen wird immer schneller aufgenommen. Wer heute 50+ Jahre alt ist, erinnert sich noch genau, wie mühselig es vor 30 Jahren war, wichtige Lerninhalte und Informationen abzurufen. Der Gang in die Bibliothek war unausweichlich, der Unterricht im Klassenzimmer alternativlos. Heute rufen wir diese Informationen und Inhalte in Sekunden online ab, vielleicht in der U-Bahn, per Spracheingabe, nebenher beim Kaffee. Dabei handelt es sich um höchst bedeutsame Inhalte, die zu einer kompletten Berufsausbildung oder fachlichen Weiterbildung mit abschließender Prüfung führen können. Viele Fernakademien stellen ihren Lernstoff komplett online bereit und bieten nur wenige Präsenzseminare für den Austausch mit Dozenten und untereinander an. Das Gros des Stoffes haben den die Lernenden online (oder per digitalem Datenträger) am Rechner oder Smartphone aufgenommen. Die wirkliche Herausforderung besteht darin, den Stoff nachhaltig zu lernen. Das online aufgenommene Wissen kann flüchtig sein, weil es an keine physische und persönliche Assoziation wie den Lehrer, die Mitschüler, das Klassenzimmer und das Experimentallabor gebunden ist. Machen Sie hierzu ein Experiment:

  • Schlagen Sie online den ältesten Baum in Deutschland nach. Es ist mit über 1.200 Jahren die Sommerlinde im hessischen Schenklengsfeld.
  • Suchen Sie sich eine/n Gesprächspartner/in und reden Sie mit dieser Person über den ältesten Baum der Welt. Es ist wahlweise eine knapp 9.600 Jahre alte schwedische Fichte oder die US-amerikanische Zitterpappel-Kolonie (47.000 Einzelstämme) Pando, die über 80.000 Jahre alt sein soll.
  • Recherchieren Sie zum ältesten Baum der Welt, reden Sie mit Menschen darüber, schauen Sie sich Bilder an. Dann prüfen Sie in acht Wochen, welche der beiden Informationen – ältester Baum Deutschlands oder der Welt – Sie sich gemerkt haben. Es wird fast immer die zweite sein.

Das Experiment belegt, dass schnell und flüchtig online erworbenes Wissen unter Umständen auch schnell wieder vergessen wird.

Fazit

Wir müssen für die digitalen Berufe der Zukunft digital lernen, doch wir müssen Wissen anders verknüpfen. Möglicherweise brauchen wir eine sehr starke digitale Community, damit wir schnell und effizient, aber dennoch nachhaltig lernen und uns damit auf die digitale Wirtschaft vorbereiten.

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Bewegungspädagogik soll uns alle positiv bewegen

Egal ob alltäglich oder sportlich, künstlerisch oder spielerisch – Bewegung prägt unser Leben. Anlässe zur Bewegung gibt es reichlich – sie korrespondieren mit unseren individuellen Erfahrungen. Einerseits betrifft es das Individuum selbst mit seinen körperlichen Erfahrungen, welche im gesamten Lebensverlauf ihre Wirkung entfalten. Andererseits erweist sich Bewegung als Mittel auf dem Gang durch die Welt, um mit anderen leicht in Kontakt zu treten, letztlich sozial zu kommunizieren. Mithilfe der Bewegungspädagogik wird bewusstes Erfahren und Einsetzen des gesamten Körpers möglich – die gesamte Muskulatur kann und soll „bewegt“ werden. Auch oft vernachlässigte Bereiche, zum Beispiel die Atemmuskulatur, sollen via Sprechen und Singen besondere Berücksichtigung finden – entspanntes und schmerzfreies Körpergefühl inklusive. Letztlich können bewegungspädagogische Übungen auch nach Krankheiten und Operationen die Regeneration beschleunigen. Damit wird deutlich, wie facettenreich Bewegungspädagogik doch ist. So lässt sich festhalten, dass Bewegungspädagogik sich prinzipiell der Konzeption sowie Durchführung von Kursen und auch weiteren Bildungsangeboten in den Bereichen Bewegung, Gymnastik, Sport und Tanz widmet.

Ganzheitliche Bewegungspädagogik

Ganzheitliche Bewegungspädagogik zielt auf die intensive Förderung von Körperbewusstsein sowie Individualität und Eigenverantwortung ab: Es geht um das Schaffen oder Wiederherstellen von Balance und Harmonie auf allen Ebenen, letztlich geht es um die Ganzheit der „Elemente“ Körper, Geist und Seele. Dabei setzt die Bewegungspädagogik ihre Schwerpunkte auf Wohlbefinden wie auch lustvolles Bewegen, wobei Schmerzgrenzen niemals überschritten werden. Es geht um das Wecken von Freude – Freude an regelmäßigen Bewegungseinheiten. Im Fokus der Bewegungspädagogik steht die Integration seelisch-geistiger Bereiche in verschiedene Bewegungsverfahren. Dabei geht es um die Verknüpfung von psychischer Verfassung und Bewegung. Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen genauso wie Auffälligkeiten im Sozialverhalten verweisen auf aktuelle Indikationen für neue Formen der Bewegung in Pädagogik und Therapie mit Kindern.

Beziehungsorientierte Bewegungspädagogik

Keine Frage: Gute Bewegungspädagogik steht im direkten Kontext mit der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes und dem individuellen Lernprozess. Im 17. Jahrhundert bildeten sich die ersten Kindergärten, welche auch „Sitzschulen“ genannt wurden. Dieser Umstand lässt den Schluss zu, dass Kinder zu dieser Zeit sitzen lernen mussten. Motorische Kompetenzen entwickelten sie demgegenüber im freien Spiel vorzugsweise in der Natur.
Seit den 80er Jahren existiert in Großbritannien ein Konzept zur speziellen Bewegungserziehung – es firmiert unter „Relationship Play“. Dieser Ansatz ist in verschiedenen europäischen Ländern – unter anderem in Benelux und Ungarn – bereits anerkannt und verbreitet, in Deutschland jedoch bisher nicht. Wer in England über kindliche Bewegungsentwicklung spricht, kommt an dem Namen Veronica Sherborne nicht vorbei. Mit ihrer Person wird ein eigenständiger bewegungspädagogischer Ansatz verbunden: „Relationship Play“. Das Konzept von Veronica Sherborne ist Resultante ihrer Arbeit mit Kindern, die eine geistige Behinderung aufweisen. Das Ziel dieser Methode besteht in einer Optimierung der Körperbeherrschung via Erfahrung von Raum sowie Zeit und Dynamik innerhalb des Schwerefelds und sozialen Kontexts.

Zunehmende Bedeutung der Bewegungspädagogik

Da Bewegungsmangel heute gewissermaßen als Volksleiden gilt und bei nicht wenigen Menschen zu Folgeerkrankungen führt, gewinnt die Arbeit von Bewegungspädagogen immer mehr an Bedeutung. In diesem Kontext muss auch die Psychomotorik explizit Erwähnung finden – sie stellt die fachliche Basis dar und basiert auf einem kausalen Zusammenhang von psychischen Vorgängen und Bewegung. Im Kontext spezieller Therapien wird diese Erkenntnis genutzt und kommt vor allem Kindern und Jugendlichen zugute. Ansatzpunkte für Bewegungstherapie und Psychomotorik sind Verhaltensauffälligkeiten, mangelndes Selbstvertrauen, Probleme bei der Wahrnehmungsverarbeitung sowie Bewegungsstörungen. Entsprechend geht es um die Stärkung des Selbstvertrauens genauso wie um den Ausbau sozialer Kompetenzen, aber auch die Schulung von Kraft und Beweglichkeit sowie die Förderung von Wahrnehmung und Motorik stehen im Fokus. Bewegungspädagogik im Kindergarten erweist sich damit nicht nur als altersgerechte Bewegung – sie verfolgt vielmehr pädagogische Ziele, um so die Entwicklung der Kinder auf nachhaltige Weise positiv zu beeinflussen. Selbstverständlich können sich Bewegungspädagogen gegebenenfalls auch um Klienten im fortgeschrittenen Alter kümmern – gleichwohl stehen Kinder und Jugendliche stärker im Fokus der Bewegungspädagogik. Am Ende bewegen wir uns alle positiv.

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